PALAZZO DUCALE RELOADED – THE STORIES OF THE ABSENT

 

«Die Gonzaga, so scheint es mir, empfanden Freude an einem gewissen Grad der Unsterblichkeit, was man ihnen womöglich neidete... Aber, nichtsdestoweniger so kam es mir vor... strahlte die Verlassenheit eher die Erinnerung an herrliche Zeiten aus und nirgendwo sonst hallte die Stille so verschwenderisch wider.»

Aldous Huxley, 1925


Fotos: Uwe R. Brückner


Das Projekt

 

Der Palazzo Ducale, ehemalige Hauptresidenz der Gonzaga – der früheren Herrscher der Stadt – steht im Herzen des italienischen Mantova und ist seit 1887 für die Öffentlichkeit als Museum zugänglich. Die Studierenden hatten zur Aufgabe, das räumliche, narrative und dramaturgische Potential des Gebäudes zu untersuchen. In den zahlreichen Räumen, deren Architektur über unterschiedliche Epochen hinweg wuchs und welche mit für die Renaissance bedeutenden Kunstwerken aufwarten, verbergen sich faszinierende Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden. Die Patina der Böden, Wände und Decken definieren den individuellen Charakter jedes Raumes. Da die meisten Kunstwerke über die Zeit verloren gingen, sind heute nur noch wenige im Museum ausgestellt.

 

Für die Projektarbeit galt es deshalb zu bedenken: Wie wird das Abwesende inszeniert? Wie werden Geschichten der Kunstwerke und ihre Besitzer zum Leben erweckt? Wie werden sie trotz physischer Abwesenheit für den Besucher erlebbar gemacht?

 

Ziel des Projekts war, die traditionellen Ideen von Museen der Vergangenheit aufzubrechen und sie für das 21. Jahrhundert neu zu interpretieren – in Form von Inszenierungen, Installationen, künstlerischen Interventionen oder Live-Performances.

Gruppenbild

Das Projekt war eine Kooperation zwischen dem Palazzo Ducale und dessen Direktor Dr. Peter Assmann, dem Politecnico di Milano, dem Polo Territoriale di Mantova, der Scuola di Architettura Urbanistica, der Ingegneria delle Costruzioni AUIC unter Leitung von Prof. Marco Borsotti (mit etwa 34 Studierenden), der FHNW HGK Basel, Institut Innenarchitektur und Szenografie (mit elf Studierenden) und dem Institut Integrative Gestaltung/Masterstudio/Studio Szenografie & Ausstellungsdesign (mit drei Studierenden).

Grundriss Palazzo Ducale Mantova
Quelle: http://guideturistichemantova.it/Deutsch/der-herzogspalast (05.05.2017)


Aufgabenstellung

Der Palazzo Ducale war die Hauptresidenz der Gonzaga, den Herren der Stadt Mantovas, die zuerst als Stadthauptmänner, dann als Markgrafen und zum Schluss Herzöge agierten. Seit der Zeit von Maria Theresia von Habsburg spricht man von „königlichem Palast“.
Der Herzogspalast erstreckt sich über eine Fläche von ca. 34.000 m2 zwischen Piazza Sordello und den Seen – sie besteht aus einem Komplex verschiedener Gebäude, die zwischen der Mitte des 12. und Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut wurden, als der Reichtum und die Macht der Gonzaga begannen, unaufhaltsam zu verfallen.

Die Studierenden hatten die Aufgabe,  den Palazzo Ducale zu revitalisieren sowie die Räumlichkeiten und die Geschichten der Besitzer und Nutzer zu recherchieren. Ziel war die Erstellung eines spannungsreichen Parcours durch die Anlage. Dabei konnte zwischen mehreren Räumen, Höfen oder Gärten gewählt werden, um diese neu, contemporär und überraschend zu bespielen. Das  Abwesende sollte wieder erfahrbar, begehbar und erlebbar werden.

Tomorrow im Ducale – Ausstellungskonzept für die Reorganisation des Palazzo Ducale
Foto: Uwe R. Brückner

Wir stellen in der Folge drei ausgewählte Projekte vor.


 

„Rebirth of painting. Gonzaga und Mantegna“ von Andrin Bührer

 

Bilder, die starren dich an, sie ziehen dich in die Tiefe, sie wollen etwas erzählen.

In der Zeit der Frührenaissance kam die Perspektive auf. Den bis dahin flach wirkenden Gemälden wurde Leben eingehaucht. Zuständig für diese Arbeit war Andrea Mantegna. Er wurde von Ludovico Gonzaga als Hofkünstler engagiert. Das grösste Werk von Mantegna ist die Camera degli Sposi. Im «Hochzeitszimmer» (Empfangszimmer) sind alle vier Wände inklusive Decke mit Fresken versehen. Jede Wand erzählt einen Teil der Geschichte des Hofes. Damit wurde die Camera degli Sposi zum angesehensten Raum im Palazzo Ducale.

Die Fresken und ihre Geschichten sollen mittels Augmented Reality wiederbelebt werden. Die Teilbilder und Personen werden als dreidimensionale Körper im physischen Raum animiert. Diese vermischte Realität von Hologramm und Raumarchitektur versetzt die Besucherinnen und Besucher in die Zeit der Gonzaga zurück. Die Hologramme erzählen die Geschichten der Gemälde, Protagonisten sind die dargestellten Personen.

Wird das Fresko als Filmstil betrachtet, so wird das Bild zum Film rekonstruiert – ein auditiv-visuelles Kopfkino. Der Betrachter soll darauf hingewiesen werden, dass alle Bilder leben, jedoch nur durch seine Phantasie in Bewegung gebracht werden. Die Botschaft: Interpretiere! Sonst bleibt ein Bild nur ein Bild.

Augmented Reality-Brillen erwecken die Protagonisten zum Leben

Collage der Bewegung im dreidimensionalen Raum

Systematischer Auszug der Protagonisten aus den Gemälden


„Be or not be Paleologa. Barriers, break to include“ von Fabiano Casale

 

In Mantova ist eine im 19. Jahrhundert zerstörte Palazzina neu auferstanden – als Skelettbau aus Stahl. Die historische Rekonstruktion soll eindrucksvoll die Vergangenheit beschwören und eine Brücke zur Gegenwart schlagen.

Tag für Tag erstrahlt vor dem Castello di San Giorgio ein kunstvoller Nachbau der Palazzina della Paleologa, die eigentlich vor 117 Jahren verschwunden ist. Transparent, aber mit klaren Formen, unverrückbar, jedoch durchlässig für Wind und Regen.

Errichtet wurde die ursprüngliche Palazzina della Paleologa um 1531 als Hochzeitsgeschenk Federicos an seine Frau Margherita Paleologa. Im Jahr 1899 fiel sie der wenig stichhaltigen Begründung von Baufälligkeit und Freistellung des Castello di San Giorgio zum Opfer.

Mit dem Abriss kam auch die Frage auf, wie sich die Szenerie verbessert habe. Die komplette Palazzina della Paleologa soll nun in Originalgröße an Ort und Stelle rekonstruiert werden – anhand von Fotos, Plänen und Texten. Proportionen, Größe sowie der Baustil werden beibehalten. Lediglich das Material ist historisch nicht korrekt.

Schemenhaft integriert sich die Rekonstruktion in die Umgebung und verbindet Vergangenheit mit Gegenwart – ist zugleich da und nicht da. Eine stahlgewordene Vergangenheit, die den eindrucksvoll unwirklichen Geist der Paleologa auferstehen lässt. Zerstörte Geschichte wird wieder sichtbar gemacht.

Palazzo Ducale mit Rekonstruktion der Palazzina

Besucher im Raum

Historisches Foto der Palazzina

Aufbau der Rekonstruktion Palazzina Paleologa

Medien im Raum: Fassadenmapping und Layer Projektion

Loggia


„Conspiracy Violence Murder. The Dark Side of Palazzo Ducale“ von Mirjam Ragossnig

 

On the traces of the shadows.

A time travel from the beginning of the Palazzo Ducale to the present. From the Renaissance until now, the Palazzo had repeatedly been the location of various tragedies. From the expulsion of the Bonalcosi to the plague, from different wars, the fall of the Gonzaga to the earthquake of 2012.

The visitors are taken on a journey into the world of shadows, of dark stories that haunt Palazzo Ducale. The rooms are completely dark and enlightened only by the shadows of the stories (the shadows consist of light).

The visitors wander through time, experiencing the stories. The stories of the past are told by the shadows while being underlined with acoustic installations. The movement and transformation of the animated shadows change the rooms constantly, guiding the visitors attention.

Coup. Expulsion of the Bonalcosi – Darstellung der Machtergreifung durch Luigi Gonzaga

Dorothea Romeo. Verbannung nach Mantova 1449-1467

Zeitachse der Ereignisse, gespiegelt im Rundgang durch den Palazzo